Eismond

Wer die 47 Seiten starke ungewöhnliche Kurzgeschichte eines experimentierfreundigen Freigeistes genießen und der Fantasie freien Lauf lassen will, dem empfehle ich die „Eismond“ von Wolkenleopard.

Laberladen Blog auf Amazon

Genre: Space Opera, Homoerotik

Status: veröffentlicht, Eismond bei Amazon

Inhalt:

Jagd, Sex und die Kombination aus beidem – Eismond ist eine homoerotische Science-Fiction-Kurzgeschichte ohne Menschen. Euch erwartet Erotik, eingebettet in ein komplexes Weltraumsetting, aber ausdrücklich keine Romantik! Es gibt eine harte Sexszene, der Fokus liegt jedoch auf der Rahmenhandlung.

Die Yaigh sind ein Alienvolk von skrupellosen Jägern. Shirk ist einer von ihnen. Während die Technologie seines Volkes zu den Besten des erforschten Alls zählt, ist ihre fehlende Moral weit über ihr eigenes Sonnensystem hinaus berüchtigt. Nur, wer sich in gefährlichen Jagdausflügen fernab ihres Heimatplaneten bewiesen hat, erhält die Erlaubnis, an der Paarungshatz teilzunehmen. Shirk hat sich den unwirtlichen Eismond Europa als Revier auserkoren, um sich durch das Erringen einer Trophäe vor seinem Volk zu beweisen. Bei ihm ist sein Ausbilder Draz, dem es schon längst nicht mehr gelingt, sich gegenüber seinem sadistischen Schüler durchzusetzen. Draz` Warnungen, dass die Reserven der Lebenserhaltungssysteme ihres Schiffes sich bald dem Ende neigen, schlägt Shirk in den Wind, da er noch immer keine nennenswerte Trophäe erringen konnte. Für ihn ist es undenkbar, mit leeren Händen heimzufliegen und sich dem Spott der anderen Yaigh zu stellen. Er bleibt stur, bis der Bordkalkulator von einem nahen Planeten einen unerwarteten Hilferuf empfängt … und fortan wendet sich das Blatt. Die Grenzen von Jäger und Beute verschmelzen, bis hin zum blutigen Finale.

Diese Geschichte ist ein literarisches Spiel mit der Bosheit. Es geht hart zur Sache und sensible Gemüter könnten sich getriggert fühlen. Es findet sexuelle Gewalt statt, die entsprechend der Mentalität der Yaigh nicht moralisch aufgearbeitet wird. Diese Geschichte enthält keinerlei moralische Botschaft, sondern ist durch und durch dreckig, Unterhaltungsliteratur am dunklen Ende des Spektrums, nicht mehr, nicht weniger.

 

Leseprobe:

Frequenz ‎299.792.458, 10:45:30 ISZ, Beginn der Übertragung

(Rauschen)

„Hallo? Ist da wer?“

„Ja! Ja, ich höre dich!“

„Verstehst du mich gut? Eins, zwei, drei …“

„Bei allen Raumgöttern, ja! Klar und deutlich!“

„Raumgötter? Sag mal, wie lange hängst du da schon fest? Der Geist ist an feste Materie gebunden, das wurde mit Hochleistungsdiffusoren nachgewiesen. Persönlichkeitsextraktion und so sagt dir nichts?“

„Hör mir zu! Momentan …“

„Nein, du hörst zu! Sag mal, willst du ein Duell oder soll ich dich gleich um Yaighavan hetzen, dass du in so einem Ton mit mir sprichst? Versuch noch einmal, mir einen Befehl zu erteilen und ich lasse dich da verrotten, wo du gerade festhängst! Ist auch dein Gehirn verunglückt oder nur dein Schiff? Die Raumgötter kann es nicht geben, weil freie Energie keinen Intellekt haben kann, energetisch angereicherter Staub ist das Allermindeste, was nötig ist! Was ein Diffusor ist, weißt du aber, ja? Hast du den aufrechten Gang schon erlernt oder paddelst du noch als Reptolit im Meer herum?“

(erneutes Rauschen, unterbrochen von Knacken)

„Hallo?!“

„Ja, ja, ich bin noch hier, nur die Ruhe. Hab bloß nebenbei einen Frequenzfilter drübergelegt, der Sonnensturm macht ziemlichen Ärger. Dein Hilferuf ist ja schon fast antik, wenn ich mir das hier so anschaue. Das erklärt einiges.“

„Du hast ja keine Ahnung! Ich hänge hier schon ewig fest!“

„Normalerweise mache ich für einen anderen Clan keinen Finger krumm und noch weniger für jemanden, der zu blöd ist, sein Schiff zu warten oder noch an die Raumgötter glaubt. Und bei dir trifft gleich alles zu. Da ich aber gerade nichts Besseres zu tun habe und mich langweile, will ich ein Auge zudrücken. Zukünftige Gebete darfst du an mich adressieren. Dann lass mal hören. Wo bist du? Gib deine Koordinaten durch und sag mir, was passiert ist und was du brauchst.“

(unterdrücktes Keuchen) „Das hier ist keine ordinäre Panne … ich brauche umfassende Hilfe! Und zwar möglichst schnell! Ich bin am Ende. Ich kann nicht mehr!“

„Verstehe. Was zahlt dein Clan für deine Rettung? Welchen Rang hast du?“

„Nach meinem Rang fragt er!“ (Lachen) „Meinem Rang! Du arroganter Fatzke! Ich werde dir meinen Namen sagen!“

(ein Moment der Stille) „Lass hören.“

„Möchtest du auch ein Hologramm, damit du ihn mir glaubst?“

„Sicher, ich will ja niemanden retten, der weder Rang noch Namen hat und ausselektiert gehört. Mein Clan würde mich lynchen. Und deiner auch. Das verstehst du doch.“

„Wirf einen Blick in dein Übertragungsprotokoll!“

„Ah … oh.“

„Schau dir meine Spitze genau an. Ich dachte, das überzeugt dich vielleicht mehr, als nur mein Portrait, bei dem der Name drunter steht. Genau das ist es, was dich erwartet, wenn du mir noch einmal frech kommst.“

„Ein durchdringendes Argument.“

„Überzeugt?“

„Von tiefstem Respekt erfüllt. Dein Name eilt dir voraus und deine Jagden sind legendär.“

„Gut. Nachdem wir nun fertig sind mit dem Austausch von Höflichkeiten, können wir ja jetzt zum Wesentlichen kommen.“

Unter dem Eispanzer

Dieser Ort war nicht dafür bestimmt, jemals vom Licht berührt zu werden. Seit Millionen von Jahren herrschte Finsternis unter der froststarren Oberfläche Europas. Als der Eindringling es in ihr Reich brachte, waren die Tiere nicht in der Lage, es wahrzunehmen. Der Yaigh hielt sich mit beiden Händen an den Griffen des Zylinders fest, in dessen Mitte die Turbine wirbelte. Gleichmäßig zog der Unterwasserschlitten ihn durch das eisige Meer. In seinem hochtechnisierten Anzug wirkte er wie ein Fremdkörper in der stillen Wildnis. Das Gefährt saugte vor ihm die Schwebeteilchen ein, um sie auf der anderen Seite zu weißem Nebel pulverisiert wieder auszuspucken. Lange Zeit war der Meeresschnee, der aus kleinen Geschöpfen bestand, das einzige Leben gewesen. Shirk hatte einige Proben eingefroren und falls irgendein Astrobiologe die Lust dazu verspürte, konnte er sie klassifizieren. Er selbst hatte für dergleichen wenig übrig, als Jäger in Ausbildung interessierten ihn nur die großen Kreaturen. Weiter hinten, dort, wo das Licht seines Gefährtes verblasste, bauschte der Meeresschnee sich auf, als ein Tier davonhuschte, alarmiert vom Summen der Turbine. Es war Shirk nicht möglich zu erkennen, um welche Spezies es sich handelte, doch in Anbetracht der geringen Größe spielte das ohnehin keine Rolle. Das Geschöpf taugte weder als Mahlzeit noch als Trophäe.

Fast eine Dekade war es her, seit Shirk das erste Mal durch das Meer unter dem kilometerdicken Eispanzer des Jupitermondes getaucht war. Er war verhöhnt worden, weil er einen so kleinen, bedeutungslosen Mond, der frei von vielversprechender Beute zu sein schien, als Jagdrevier für seine Prüfung ausgewählt hatte. Man hatte diesen Plan während des Genehmigungsverfahrens als Zeitverschwendung bezeichnet und seinem Drängen nur nachgegeben, da sein Ausbilder ein gutes Wort für ihn eingelegt hatte. Shirks gekränkter Stolz warf einen langen Schatten, der selbst die Gegenwart noch verdunkelte. Als er damals in den astronomischen Karten gestöbert hatte, um den Ort der Prüfung auszuwählen, hatte er Europa erblickt und sofort gewusst, dass sie sein Mond war und mochten diese schmalbrüstigen Schwachköpfe noch so sehr darüber lachen. Es spielte keine Rolle, dass eine andere humanoide Spezies ihr bereits einen Namen gegeben hatte. Wenn er sie erfolgreich bejagte, würde es sein Name sein, den sie trug! Allen Spöttern zum Trotz hatte er seinem Gespür vertraut, dass sich in der unerforschten Tiefe gute Beute finden lassen würde und tatsächlich war er unter dem ewigen Eis einem Monster begegnet. In jenem Moment hatte er gelächelt. Jenes Ungeheuer würde ihm das Tor in ein neues Leben als Jäger öffnen. Fortan würde man ihm den Respekt zollen, der ihm gebührte!

Das Meer war nur hundert Meter tief und voller Leben, das auf primitiven Bakterioiden basierte, die Chemosynthese betrieben. Der Nahrungskette folgten auf der nächsten Stufe noch unbestimmte Piscimorphen, von denen einige gut schmeckten. Er hatte sich einen Vorrat von ihnen eingefroren. In seinem Logbuch waren sie unwissenschaftlich als Schwarze Säcke verewigt, weil sie genau wie solche aussahen. Dieser lächerliche Name sollte ein Arschtritt in Richtung der Astrobiologen sein, denen er fortan als Trivialname aus den Verzeichnissen entgegenstrahlen würde, zusammen mit Krummschwamm, Seepickel und Genitalwurm. Das war das Mindeste, was er tun konnte, um ihnen seine Kränkung heimzuzahlen.

Noch immer sah er nur Schwärze und den Lichtkegel, den er vor sich herschob, den Meeresschnee, der in Form eines Trichters auf ihn zuraste. Bis auf das Surren der Turbine war es still, ein Ort, an dem er der einzige Jäger war und alle Beute ihm gehörte. Das Monster fürchtete er nicht. Sein Atem verursachte keinerlei verräterische Luftlasen. Shirk trug über seinem hautengen Anzug einen Atemgasaufbereiter, der an eine dicke schwarze Weste erinnerte und ein geschlossenes System bildete. Im Bereich der Tauchtechnologie war der Emeryx Clan einsame Spitze. Auf der Innenseite der von außen betrachtet komplett schwarzen Augenöffnungen seiner Maske zeigte das Display alle benötigten Werte an. Shirk stieg langsam genug auf, um die Funktion des Dekompressionsanzugs optimal zu unterstützen. Und da war auch schon die Eiskruste. Wie ein umgekehrtes Gebirge tauchten ihre Gipfel aus der Dunkelheit auf. Der Lichtkegel offenbarte Berge, Täler und Klüfte, Höhlen, in denen interessante Daseinsformen lebten, die man zu einer schmackhaften Sauce verarbeiten konnte, die gut zu dem Geschmack der Schwarzen Säcke passte. Er nannte sie Gewürzschleim. Ihm fiel ein, dass er diesen Namen noch nicht eingetragen hatte. Das würde seine heutige Freizeitbeschäftigung werden, wenn er wieder im Schiff war. Er steuerte an einem Gipfel vorbei, der von einer Ansammlung von Meeresschnee umspielt wurde wie von einer Wolke. Dahinter stieg er auf ins Tal. Am Scheitelpunkt des Gewölbes versprachen Gletscherspalten einen trügerischen Weg zur Oberfläche. Doch ohne, dass man mit Technik nachhalf, gab es einen solchen nicht. Die umgedrehte Welt, durch die Shirk schwebte, war völlig isoliert, sie hatte etwas Unwirkliches, als würde er durch einen Traum fliegen. Er konnte sich keinen schöneren Ort im All vorstellen. Doch für heute wurde es Zeit, die Jagd zu beenden.

Shirk bewegte seinen Kiefer, um die Koordinaten des Ausstiegloches anzeigen zu lassen. Das Display schaltete um, er korrigierte seinen Kurs. Er war nun schon seit Stunden hier unten und langsam merkte er den Zug des Schlittens in den Armen. Wenn er wieder in der Phantom war, würde er eine ausgiebige Rast einlegen, ehe es weiterging. Der Sensor, der ihm den Weg wies, war inzwischen im Eis eingewachsen, aber er sendete noch immer ausreichend starke Signale. Da war das Bohrloch. Der Yaigh tauchte aus dem Wasser. Über ihm war das Ende des Bohrschachtes nicht zu sehen, nur eine endlose schwarze Röhre. Er aktivierte die Phosphoreszenzstreifen seines Anzuges, damit er den Unterwasserschlitten ausschalten konnte und sogleich erstrahlte das Eis um ihn herum in kaltem Licht. Er klinkte den Hüftgurt, den er über dem Dekompressionsanzug trug, in den Haken des Aufzugmoduls ein und ließ sich das Drahtseil hinaufziehen. Die dreieckige Maschine glitt hinauf und schabte unterwegs die junge Eiskruste vom Draht, die sich als Wolke von glitzerndem Pulver über ihn ergoss. Sein Anzug wurde sofort von einer knisternden Schicht überzogen, obwohl er auf der Innenseite konstant auf Körpertemperatur gehalten wurde. Europa war ein äußerst unwirtlicher Mond, seine persönliche Eisbraut. Sie würde ihn umbringen, wenn sie könnte. Kilometer um Kilometer wurde Shirk durch die Röhre hinaufgezogen. Ohne den Scabo, einen mechanischen Ring, der im Schacht unentwegt von oben nach unten glitt und fräste und auch das Wasserloch freihielt, würde das Bohrloch innerhalb kürzester Zeit wieder komplett zufrieren. Der ewig graue Himmel des Eismondes leuchtete in trügerischer Freundlichkeit durch die Öffnung, eine Scheibe von fahlem Licht. Doch oben angekommen offenbarte sich, dass schwere Wolken trieben, so wie immer.

Shirk klinkte den Karabinerhaken aus und stapfte über das Eis. Der Wind schmetterte ihm fauchend Wolken von Schnee entgegen und riss ihn fast von den Beinen. Selbst sein chemisch beheizter Anzug vermochte diese Kälte nicht vollends abzublocken und er war froh, dass die Phantom nur ein paar Schritte neben dem Ausstiegsloch parkte. Das Raumschiff war zur Hälfte von Schneewehen bedeckt und in der monotonen Hügellandschaft Europas kaum als solches zu erkennen. Die Daten hatten auf Kryovulkanismus hingedeutet, was sich allerdings als nicht zutreffend herausgestellt hatte: Europa war nichts als eine monotone Wüste aus Eis und Schnee. Die Bewohner der Erde, des nächsten von einer Zivilisation bewohnten Planeten, zeigten genau so wenig Interesse an ihr wie die Yaigh. Sie war Shirks Braut und die Jagd sein Werben, so wie die heimgebrachte Trophäe die Voraussetzung zur Fortpflanzung darstellen würde. Mehr als das, er würde als missverstandener Held in die Geschichte eingehen und der Name Shirk fortan auf ewig mit dem Eismond verbunden sein, untrennbar, bis die letzte Kultur hinter dem Ereignishorizont eines Schwarzen Loches verschwunden war!

Er schleppte den Schlitten zur verschneiten Phantom. Spätestens, wenn die Dekade verstrichen war, würde er abfliegen und auf Yaighavan die Trophäen vorlegen müssen. Gleichzeitig würde man sich den Bericht seines Ausbilders Draz anhören und anhand dieser Faktoren entscheiden, ob man Shirk den Rang eines Jägers zuerkennen würde oder nicht. Doch dank des Monsters sah es gut für ihn aus.

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