Negaia

 

Genre: Steam Fantasy
Status:

Band I: 100 % des Erstentwurfes, befindet sich im Lektorat.

Band II: 25% des Erstentwurfs.

Geplante Veröffentlichung: Ende 2018

Ihr dürft euch auf eine wahre Perle freuen! Der Roman ist der Auftakt einer geplanten vierbändigen Reihe. Band 1 dreht sich vor allem um das stolze Volk der Menschen. Wer schon immer wissen wollte, wie die Sturmwehr entstand und warum sie Schlagklingen so sehr lieben, weshalb die Rocker vom RC Lupus Noctis die erbittertsten Feinde der Sturmsoldaten sind, ob das Gerücht stimmt, dass Khagos Helmkamm mit Blut gefärbt wurde und was es mit dem ominösen Schwarzen Orden auf sich hat, sollte unbedingt hineinlesen!

Dies ist das Buch zum Spiel Negaia, zum Verständnis der Geschichte sind jedoch keinerlei Vorkenntnisse erforderlich. Reinspielen lohnt sich! Das MMORPG Negaia kann nach der Registrierung kostenlos hier heruntergeladen werden: Link

Inhalt:

Khago Halbohrs Fähigkeiten als Handwerker sind ein Graus, doch dafür hat er das Talent, hervorragend in Prügeleien auszuteilen – etwas, das man sonst eher Alben nachsagt als Menschen. Bei seinem Volk stößt der kauzige Sonderling damit auf wenig Verständnis. Als er es übertreibt, landet er als Schandfleck seines Volkes in der Gefängnisstadt Atawakron, unter Räubern, Mördern und Vergewaltigern. Nahrung und Lebensraum sind äußerst knapp und hart umkämpft. Wenn Khago überleben und jemals wieder freikommen will, muss er lernen, strategische Talente zu entfalten und sich auf Bündnisse einzulassen, was sich als nicht ganz einfach erweist, wenn man zuvor ein einzelgängerischer Waldschrat war. Derweil ahnt er nicht, dass außerhalb der Mauern noch weitaus größere Mächte an den Fäden ziehen – und dass sein Schicksal vielleicht gar nicht so zufällig ist, wie er vielleicht glaubt.

Ein Orden von Ketzern erhebt sich, die Alben mobilisieren zu einem Schlag gegen die Hermunduri und mitten darin versuchen vier Helden, ihrem Schicksal die Stirn zu bieten. Der Langre Tikki webt Intrigen, deren Zweck lange im Dunkeln bleibt. Die Albin Grundl führt ihren Kriegstrupp in einer aussichtslosen Mission gegen die Menschen, die kein anderes Ziel hat, als sie und ihre Leute in den sicheren Untergang zu schicken. Die Flumarin Lovania erhält einen Auftrag von einem geheimnisvollen Gönner, der sie in unbekannte Bereiche der Welt vordringen lässt, wo ihr bisheriges Weltbild auf den Kopf gestellt wird. Und Khago und die Schwerverbrecher aus Atawakron erhalten beim grandiosen Finale die Chance, ihre vergangenen Taten mit ihrem eigenen Blut reinzuwaschen.

Wenn die vier Einzelschicksale sich am Ende begegnen, ist die Welt Negaia nicht mehr das, was sie zu Anfang war.

 

XXL-Leseprobe:

Als sei er ein einfacher Pilger näherte sich Tikki der Bibliothek am Fjord der Elemente. Den Pilger, der er einst gewesen war, bescheiden und demütig, gab es nicht mehr nach den Jahren der Verfolgung und schlussendlicher Folterung. An seine Stelle war ein Langre getreten, der kalten Zorn im Herzen trug. Die Klauen seiner Wolfsfüße kratzten auf dem gefegten und unkrautfreien Weg, der zu dem Gebäude hinaufführte. Er spürte die Macht dessen, was hinter den hohen weißen Mauern lag. Es musste da unten sein, tief verborgen im dunklen und kühlen Schoße der Erde, denn wie alle seines Volkes war er empfindsam für solche Dinge. Diese Energie, das waren nicht nur Bücher und Schriftrollen. Hier war mehr zu finden, als man ihnen allen weismachen wollte. Tikki bekam trotz der sommerlichen Temperatur eine Gänsehaut und sein schwarzes Fell richtete sich im Genick auf. Wie ein nahendes Raubtier hielt er den Blick auf den Eingang gerichtet, dem er sich Schritt für Schritt näherte. Die Bibliothek war mit Kalkstein verkleidet, der das Sonnenlicht so stark reflektierte, dass es ihn blendet. Hohe, schlanke Türme säumten das halbrunde Kuppeldach wie eine Krone. Vom Meer wehte ein kräftiger Wind und bauschte die Ärmel seiner schwarzen Pilgerrobe. Er strich sie in einer vornehmen Geste glatt, zupfte den Stoff über dem Gürtel zurecht und trat durch die offenstehende Tür. Das Fjord der Elemente war politisch neutrales Territorium. Wächter gab es offiziell keine, um den Frieden des Ortes nicht zu stören, doch Tikki vermutete, dass sich in ziviler Kleidung welche zwischen den Besuchern bewegten. Niemand konnte ihm weismachen, dass man solch einen Fundus an Wissen unbewacht ließ. Wissen war schon immer ein wertvolles Gut gewesen und es hatte seine Gründe, dass man ihnen allen nur einen winzigen Teil dessen zeigte, was man wirklich wusste. Den Rest würde er vielleicht heute finden. Er machte sich keine Illusion darüber, wie schwierig es war, der Bibliothek das Geheimnis zu entreißen, von dem seine Träume ihm geflüstert hatten. Er nahm die nächtlichen Visionen zum Zeichen, dass sein Geist bereits mit höheren Sphären verbunden war – dies hier würde das letzte Leben für ihn sein. Wenn er Negaia für immer den Rücken kehrte und wieder eins mit dem Wind wurde, der ihn einst gebar, dann mit einem Donnerschlag, der selbst den Orcus erschütterte!

Die dressierten Elstern, die sich von innen in den weiten Falten seines Gewandes festklammerten, hielten still. Weder krächzten, noch zappelten sie.

Am Empfang nickte er den Langrendamen höflich zu. Die Windgeborenen hatten eine natürliche Affinität zu den Reichtümern des Geistes und so war es nicht verwunderlich, dass sie in der Bibliothek zahlreicher zu finden waren als die anderen Völker. Die Kapuze, durch deren Löcher seine Wolfsohren ragten, behielt Tikki auf dem Kopf, um die Blickrichtung besser verbergen zu können.

Er las die aktuelle Zeit von der mechanischen Pendeluhr an der Wand ab, trug sie zusammen mit dem Datum in das Empfangsbuch ein und unterzeichnete mit seinen vollständigen Namen: Tikki Mik-Mik. Es hätte nichts genützt, ein Pseudonym zu verwenden, denn man kannte ihn hier. Die Sache hatte einen positiven Nebeneffekt: Jeder würde sofort wissen, wer es war, der heute die Welt aus den Fugen riss.

Er lächelte freundlich, als er das ausgefüllte Buch zurückreichte. Er war ein Meister der Selbstbeherrschung, seit er seinen Körper vor einigen Leben mit einer strengen Askese an den Rand des Todes gegeißelt hatte. Doch die Schritte gemessen zu halten, als sei dies nur ein gewöhnlicher Besuch, verlangte höchste Konzentration. Er durfte weder Aufmerksamkeit erregen noch die Elstern nervös machen. Durch Meditation beschwor er ein tiefes Gefühl der Entspannung herauf und zwang seinen Herzschlag zur Ruhe. Nach einigen bewussten Atemzügen fühlte er sich so wohl wie an jenen ungezählten Tagen, die er hier verbracht hatte, bevor die Träume gekommen waren. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Forschung eine Wohltat gewesen, eine gediegene Pflege des Intellekts, danach war sie zur Besessenheit erwachsen. Tikkis Seele war wie ein wirbelnder Orkan, doch sein Körper glich einem irdenen Gefäß, das nichts von dem Tosen nach außen dringen ließ, das ihn von innen verzehrte und ihn noch vor der Zeit altern ließ. Nach außen hin blieb er der Pilger, der ewig Suchende, der Wanderer, der nie den Horizont erreichte, freundlich zu jedem und allgemein beliebt wegen der Geschichten, die er für ein paar Almosen zu erzählen wusste. Er tat als sei er noch immer, was er einst gewesen war. Doch sein früheres, friedliches Ich war tot. Es hatte Tikkis Hinrichtung als Ketzer nicht überlebt.

Die Regale säumten hoch wie Schluchten den Weg durch das Gebäude. Wesen aller vier Völker gingen gemessenen Schrittes, ließen die Blicke über die Buchrücken schweifen und unterhielten sich im Flüsterton. Die farbigen Bleiglasfenster verwandelten die Strahlen der Nachmittagssonne in bunte Lichtinseln auf dem Boden. Es duftete herzhaft nach Leder und altem Papier, untermalt von einer süßlichen Note Buchbindeleim und herbem Tintenaroma. Dies war der Atem der Jahrhunderte, der Duft der Weisheit, den Tikki so liebte. Staub schwebte in den Lichtstrahlen, im Vorbeigehen verwirbelte seine wehende Robe die feinen Partikel. Je tiefer er in die Bibliothek vordrang, umso ältere Bücher fanden sich in den Regalen. Die Buchrücken waren dunkler und rissiger. Eine Wendeltreppe führte in das Kellergeschoss und dort, in der kühlen Dunkelheit, erblickte Tikki überhaupt keine Bücher mehr, nur Papyri und Pergamente. Sie lagen in losen Stapeln oder als Schriftrollen geschichtet. Sogar Werke in Knotenschrift ruhten hier und Steinplatten mit Runen, die bislang niemand hatte entziffern können. Er war fast allein hier unten. Nur wenige Besucher interessierten sich für diesen Teil der Bibliothek, zu fremdartig, zu kryptisch und für den Laien unverständlich war das, was hier verwahrt wurde.

Doch Tikki war kein Laie.

Fast all seine Leben hatte er der Erforschung dieser frühesten aller Aufzeichnungen gewidmet und dabei erkennen müssen, dass überraschend wenig Interesse daran bestand, dass er die gewonnenen Erkenntnisse teilte. Man hatte ihn dereinst gar mit Gewalt zum Schweigen gebracht. So kam es, dass er eine einsame Koryphäe auf diesem Gebiet geworden war, ein Gelehrter, der allein mit seinem Wissen war, ein Redner ohne Zuhörer, ein Stern ohne Himmel. Warum wollte man nicht, dass er das erlangte Wissen preisgab? Welches Geheimnis verbarg sich am Anbeginn der Zeit? Versunken in Meditation hatte er auf die rieselnden Körner einer Sanduhr gestarrt, Tag für Tag und all seine Gedanken fokussiert, bis er gar das Essen und Schlafen vergessen hatte. Auf dem Gipfel seiner Erschöpfung und seiner Verzweiflung waren die Träume gekommen. Sie hatten ihn hierher geführt, die Stimme des Unterbewusstseins oder des beginnenden Wahnsinns. Er würde überprüfen, was von beidem zutraf.

Die Luft in dem Gewölbe roch trocken. Leuchtkäfer in Korblampen spendeten dämmriges Licht. Ihr Surren war allgegenwärtig. Dass im Kellergeschoss so wenig Betrieb herrschte, machte Tikkis Verweilen auffällig. Darum hatte er in der Vergangenheit viel Zeit hier verbracht, mehr als für seine Forschung nötig gewesen wäre, um Argwohn zuvorzukommen. Ein Alb, den er für einen Wachmann in zivil hielt, sortierte Blätter auf einem Pult, wobei er enge Seidenhandschuhe trug. Diese zu tragen war Pflicht bei so alten Werken, um sie vor dem aggressiven Hautschweiß zu schützen. Selbstverständlich trug auch Tikki ein Paar an seinen Händen. Er nickte dem Alb freundlich zu, ehe er sich den Regalen widmete. Seine Finger glitten die Intarsien mit den Jahreszahlen entlang, als ob er etwas suchen würde. Nicht ein einziges Mal blickte er in in Richtung des steinernen Reliefs an der Wand, eines mannshohen Musters aus mehreren ineinanderliegenden Ringen. Sie waren mehr als nur Schmuckwerk.

Dieser getarnte Mechanismus war es gewesen, worauf die Träume ihn aufmerksam gemacht hatten. Die alchemistische Analyse einer Probe der Oberfläche hatte Tikkis Verdacht bestätigt: Die Konstruktion war weitaus älter, als sie es nach den Schriften der Gelehrten hätte sein dürfen. Gemäß offizieller Geschichtsschreibung konnte es solche Gebäude wie die Bibliothek zu jener Zeit noch gar nicht gegeben haben. Je länger Tikki recherchierte, umso öfter stieß er auf technologische Errungenschaften, die ihrer Zeit viel zu weit voraus waren, als dass man es mit einer bloßen Ungenauigkeit hätte begründen können. Diese Augenwischerei hatte System, dessen war er sicher, spätestens, seit man ihm gewaltsam den Mund verboten hatte. Aber warum wollte man diese großartige Entdeckung verborgen halten?

Die Elstern in seinem Umhang regten sich, sie spürten seine Anspannung, die sich nur noch mit Mühe unterdrücken ließ. Er strich über die Robe, als würde er die Falten glätten und summte leise. Die Vögel beruhigten sich ein wenig, doch ganz ruhig wurden sie nicht mehr.

Heute stand der Wanderer, der geglaubt hatte, nie den Horizont erreichen zu können, kurz vor seinem Ziel. Er würde beweisen, dass die Wahrheit eine andere war, als man ihnen weismachen wollte, dass es noch eine Wahrheit hinter der Wahrheit gab! Und nebenbei war der Wunsch nach Vergeltung eine Untugend, die er sich bei aller Askese und Disziplin zugestand. Er war ein Gelehrter, kein Heiliger. Wer Wind säte, würde Sturm ernten und Tikki war jener, durch dessen Arm der Sturm sprechen würde!

Der Mechanismus war nur noch eine Armlänge hinter ihm. Er konnte die Kälte, die von seiner Oberfläche ausging, am Rücken spüren. Der Alb beobachtete ihn, ohne den Kopf zu drehen, während er so tat, als würde er auf die Pergamente auf dem Lesepult starren. Der verdammte Kerl verließ seinen Posten nicht für einen Augenblick. Es wurde Zeit für Schritt eins. Tikki langte mit den Händen bis zu den Ellbogen in das Regal, so dass seine Unterarme aus dem Sichtfeld des Alben verschwanden. Er zog die erste Elster aus dem Ärmel. Mit seiner Zunge klickte er leise, eine rhythmische Folge wie aus einem Lied. Die Elster reagierte sofort. Kreischend stob sie hervor und flatterte zwischen den Regalen entlang.

So, wie er es ihr beigebracht hatte, begann die Elster, die Werke aus den Regalen zu zerren und damit herumzufliegen. Überall im Gang verteilte sie die Schriftrollen. Fluchend verließ der Alb das Pult, um die antiken Schrifttücke zu retten. Er wedelte mit den Armen, um den Vogel von den Regalen fernzuhalten und aus dem Keller zu jagen. Vergebens.

Jetzt hieß es, den Moment zu nutzen, ehe er vorbei war. Tikki griff an das Relief und begann, die schweren Ringe zu drehen. Steinmehl rieselte herab, doch die Bewegungen waren so leicht, als wäre das Gestein schwerelos. Die Ringe reagierten auf jede noch so kleine Bewegung. Es dauerte eine Weile, bis Tikki dahintergekommen war, welcher Ring was bewirkte und die Intarsien ein neues Muster ergaben. In diesem Augenblick ertönte ein kaum wahrnehmbares Klacken und unter seiner Berührung öffnete das Muster sich zu einem Tor. Dahinter gähnte ein finsteres Loch.

„Heda!“, brüllte der Alb und riss einer zur Zierde an der Wand stehenden Rüstung den Morgenstern aus der Hand. Das Tor begann wieder, sich zu schließen. Tikki griff rasch nach einer Korblampe, riss sie von der Wandhalterung und sprang in die kleiner werdende Öffnung. Hinter ihm rastete der Mechanismus ein. Erneut klackte es. Er hörte, wie der Alb vergebens an den Ringen rüttelte. Tikki rappelte sich auf. Die Elstern krächzten und zappelten. Er ging davon aus, dass die Anordnung der Ringe durch das automatische Schließen wieder durcheinandergebracht worden war. Selbst wenn der Alb die korrekte Justierung kennen sollte, würde es einige Zeit dauern, ehe er das Portal erneut geöffnet hatte.

Tikki hob die Lampe. Die Käfer stießen knisternd gegen ihr geflochtenes Gefängnis. Unter seinem Mantel flatterte es. Obgleich er lange mit den intelligenten Vögeln geübt hatte, konnte sein Summen sie nicht mehr beruhigen. Und auch sein Herz schlug schnell wie die Hufe eines galoppierenden Pferdes. Als er ein paar Schritte gegangen war, erglommen mit einem Mal blaue Lampen und tauchten den Raum in ein kaltes Licht, ganz so, als hätte jemand ein Feuer aus Eis entfacht. Tikki kniff die Augen zusammen und sah direkt hinein, doch er konnte weder Leuchtkäfer noch alchemistisches Feuer als Ursache der Beleuchtung ausmachen. Wie kleine Sonnen leuchteten die Lampen aus eigener Kraft. Das Licht drängte die Schatten in die Ecken zurück und offenbarte die wahre Größe des Raumes. Tikki stockte der Atem. Das hier übertraf alles, was er sich jemals vorgestellt hatte. Fremdartige Apparaturen, von der Größe einer Pinzette bis hin zum Format eines Ochsenkarrens säumten den Weg aus vollkommen glatten weißen Kacheln, deren Fugen ebenso blau leuchteten wie die Lampen. Weder das Material noch die Funktionsweise der Geräte erschlossen sich Tikki. Waren dies Fahrzeuge? Werkzeuge, Waffen? Oder etwas, dass sich gänzlich seiner Vorstellungskraft entzog? Eines war sicher: Dieser Ort war kein verstaubter Keller. Das war ein Laboratorium, eine hochtechnologisierte Werkstatt und zwar im besten Pflegezustand!

Von Ehrfurcht erfüllt ging er weiter. Eine Anlage von Glastanks säumte den Weg. Reglose Gestalten schwebten in einer Flüssigkeit. Das hier widersprach jeglichem Naturgesetz. Wenn der Leib starb, so lösten Fleisch und Knochen sich sofort in das Element auf, aus dem man einst erschaffen worden war. Menschen zu Erde, Alben zu Feuer, Flumaren zu Wasser und Langren zu Luft. Dass eine Reihe von toten Körpern ihn hier bestens konserviert anstarrte, entzog sich all seinen Kenntnissen. Wie war das möglich? Fassungslos betrachtete Tikki die Gesichter. Die Augen blickten starr zurück, nichts regte sich. Nein, hier war kein Leben mehr. Diese Männer und Frauen glichen toten Tieren, Leichname, die blieben. Verwahrt wie Konserven. Es musste die Flüssigkeit sein, die jede Auflösung verhinderte. Doch was war mit den Seelen dieser armen Leute? Waren sie nun auf ewig gefangen in ihrem toten Fleisch? Tikki mochte sich einen solchen Zustand gar nicht vorstellen. Wussten die Herrscher der vier Völker von diesem Ort? Sicher wussten sie das, sonst würden sie ihn nicht verstecken! Was auch immer hier geschehen war – es war nie für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt gewesen. Hastig eilte Tikki weiter. Ihm blieb nicht viel Zeit. Bald würde der Alb den Eingang wieder geöffnet haben, vermutlich mit Verstärkung im Schlepptau.

Er ließ die Tanks hinter sich und erreichte einen Arbeitsbereich. Er öffnete jede Schublade, bis er fand, was er suchte: Aufzeichnungen. Beweise, dass er Recht gehabt hatte mit seiner sogenannten Blasphemie! Beweise dafür, dass man sie alle belog!

Hinter ihm krachte und polterte es, jemand bellte einen Befehl. Jetzt musste es schnell gehen. Zeit für Schritt zwei! Obwohl er wusste, was ihn nun erwartete, spürte Tikki nichts als Triumph und eine tiefe, innere Befriedigung. Es spielte keine Rolle, was sie mit seinem Körper anstellten. Er brauchte ihn nicht, um das Wissen in die Welt hinauszutragen. Mit einem abfälligen Grinsen auf den Lefzen drehte er sich zu seinen Verfolgern um. Ein Trupp von zehn bis unter die Zähne bewaffneten Alben kam auf ihn zu, Krieger, die aus versteckten Kammern geholt worden sein mochten. Er breitete die Arme aus, um das Schicksal zu empfangen, wobei er eine Melodie pfiff. Auf dieses Signal hin stießen die Elstern kreischend aus seinen Ärmeln und unter seiner Robe hervor, schwarz-weißes Flattern umhüllte ihn einen Herzschlag lang. Dann stoben sie in alle Richtungen davon, bis sie erspähten, worauf er sie dressiert hatte. Sie stürzten sich auf die Notizen und packten, was sie kriegen konnten, um damit davonzufliegen. Die Wächter schlugen mit ihren Waffen nach den Tieren, einige wurden getroffen und fielen trudelnd zu Boden, doch die übrigen entkamen mitsamt der Seiten, die sie herausgerissen hatten, durch das Portal. Einige flogen mit ganzen Notizbüchern davon, die mit unleserlichen Runen beschrieben waren.

„Haltet die Vögel auf!“, schrie einer der Wächter. Ein anderer schlug mit der stumpfen Seite seiner Waffe auf den Gelehrten ein, bis er am Boden lag und noch weiter. Trotz der Schmerzen lachte Tikki.

„Ihr könnt sie nicht alle aufhalten! Ganz Negaia wird erfahren, dass ich Recht hatte! Hinter der Wahrheit, die ihr uns predigt, existiert eine zweite Wahrheit! Eine, die ihr fürchtet! Ihr habt uns all die Leben lang belogen. Doch ich werde das Wissen ans Licht heben! Ich werde die Schriften entschlüsseln und die Apparaturen, die ihr hier versteckt! Wenn ihr mich tötet, werde ich zurückkehren, egal, wie oft ihr mich erschlagen mögt. Der Orcus kann mich nicht aufhalten. Ihr könnt es nicht, niemand kann das! Alles, was ihr hier verbergt, wird offenbart werden!“

„Ein Wahnsinniger bist du“, schnaubte der Alb und zerrte ihn auf die Füße. „Das Einzige, was Negaia erfahren wird, ist die Tatsache, dass du geisteskrank bist und halluzinierst. Und wie ein Geisteskranker sollst du behandelt werden. Dein Körper und deine Seele mögen in Atawakron vermodern, bis ans Ende aller Tage, wenn die Welt zurück ins Chaos stürzt und kein Tod wird dich retten! Bringt ihn fort!“

Als man Tikki aus der Bibliothek schleifte, um ihn seinem Schicksal zu übergeben, hörte er in der Ferne das Kreischen seiner Elstern.