Der Wilde & der Chevalier

Genre: Fantasy, Gay Romance
Status: veröffentlicht, Der Wilde & der Chevalier bei Amazon

Inhalt:

Khawas Krieger nennen ihn Steppensturm. Sie kommen, sie plündern, sie verschwinden und wo sie auftauchen, hinterlassen sie verbrannte Erde. Doch diesmal haben ihre Gegner vorgesorgt. Die Rüstungen der Almanen sind so legendär wie die Mauern ihrer Burgen und man sagt, selbst ihre Seelen währen wie geschmiedeter Stahl. Für die Steppenkrieger endet dieser Kampf in einem Desaster. Als lebende Trophäe führt man ihren besiegten Anführer Khawa in die Hauptstadt, um ihn dort dem Großherzog vorzuführen.

Der kauzige und kaltschnäuzige Chevalier Jules de Mireault ist einer von seinen Bewachern. Er ahnt nicht, dass er mit seinem Verhalten genau in das Beuteschema des Gefangenen fällt, der keineswegs so gebrochen ist, wie er tut. Stattdessen ärgert er Jules, wo er nur kann. In der einsamen Fremde wünscht Khawa den Tag herbei, an dem der Chevalier seinen Eisenpanzer abwirft – und ihm zeigt, wer der Mann hinter der Rüstung ist. Als sich zwischen ihnen eine Romanze anbahnt, gerät Khawa ins Nachdenken. Will er wirklich noch fliehen und in die Steppe heimkehren – oder wählt er um einer aussichtslosen Liebe willen freiwillig ein Leben, für das er nie geboren war?

Als ob die Situation nicht schon schwierig genug wäre, taucht plötzlich ein Hyänenreiter auf, der fest entschlossen ist, Khawa zurück nach Hause zu holen – und dessen almanischen Liebhaber dafür zu beseitigen.

Für Leser, die Tiefgang wollen – Fantasy, die lebt. Dich erwarten Romantik und explizite Sexszenen, eingebettet in eine anspruchsvolle Geschichte – aufgrund der hohen Nachfrage erstmals in Romanlänge.

XXL-Leseprobe:

Der letzte Tag
Jahr 194 nach der Asche. Ende des Winters in der rakshanischen Steppe.

Der Raureif schmolz in der aufgehenden Sonne, die gelben Grashalme tropften. Inmitten des schweigenden Grasmeeres, das sich von Horizont zu Horizont erstreckte, erwachte das Zeltlager zum Leben. Hyänen streiften im Morgennebel um das Lager herum und gruben Pelztiere im Winterschlaf aus. Ihre Reiter lungerten grüppchenweise auf Klappstühlen aus Knochen und Leder herum, noch träge zu dieser Stunde, frühstückten und unterhielten sich.
Auch Khawa kroch auf allen vieren durch den Zelteingang in den Tag hinaus, trotz der kühlen Witterung nur mit einem Lendenschurz aus getupftem Hyänenfell bekleidet. Seinen Turban hielt er noch in der Hand, er brauchte mehr Platz, als in seinem Einmannzelt zur Verfügung stand, um ihn zu binden. Er hielt Ausschau, ob jemand sich erbarmt hatte, Mokka zu kochen. Einige Männer bereiteten ihre Ausrüstung für den Abend vor, doch die meisten beschäftigten sich um diese Tageszeit gemütlich. Der Ernst des Krieges hatte noch Zeit, früh am Morgen war von den berüchtigten Hyänenreitern selten etwas zu befürchten. Erst wenn die Nacht sich auf die Steppe senkte, zogen sie los, um sich von anderen zu holen, was sie zum Leben brauchten, so wie es ihre Ahnen bereits getan hatten.
Der Kopf dieses Plündertrupps war Khawa fo-Azenkwed, den man den Steppensturm nannte. Mit seinen weichen Gesichtszügen wirkte er keineswegs wie der berüchtigte Krieger, als den man ihn kannte. Seine Eltern hatten ihn Khawa genannt, Kaffee in der Sprache ihres Volkes, denn das Haar der meisten anderen Rakshaner war schwarz wie das Gefieder des Rabengeiers, doch seines war braun. Auch sein Körper hatte die warme Farbe von Mokka, versehen mit einem Schluck Hyänenmilch. Auf seinem breiten Kreuz ruhte ein Zopf aus verfilzten Haarsträhnen, während er die Seiten kurz geschoren trug. Sein Kopf verschwand nun unter dem schwarzen Turban, den er aus Faulheit im Ganzen auf- und absetzte. Das lose Ende wickelte er mit raumgreifenden Bewegungen um Hals und Gesicht.
Heute hatte Sherkal sich geopfert, für alle einen großen Topf Mokka aufzusetzen, so wie er es ziemlich oft tat, seit er sich dazu entschieden hatte, offen um Khawa zu werben. Sherkal war gerade alt genug, als dass man ihn mit einer großzügigen Auslegung des Begriffes als Mann bezeichnen konnte. Ein Bursche, der den viel zu großen Namen eines legendären Kriegers trug.
»Huhu, Khawa!« Er trug zwei schüsselgroße Kaffeetassen herbei, die verführerisch dampften, reichte ihm eine und setzte sich mit ihm auf zwei herumstehende Stühle nahe des Feuers. »Reitet ihr heute raus?«
Nicht ganz zufällig trug er die selbe Frisur wie Khawa, mit dem einzigen Unterschied, dass er seine Filzlocken als Palme aus dem Turban herausschauen ließ, damit Khawa auch wirklich sah, wie ähnlich sie beide sich waren. Im Gegensatz zu den meisten Rakshanern besaß Sherkal keine dunklen, sondern stechend grüne Augen, die aus dem schwarzen Turban heraus leuchteten. In einigen Jahren mochte er einen gutaussehenden Mann abgeben.
»Erstmal einen Mokka trinken«, erwiderte Khawa schläfrig. »Vorher kann ich nicht denken.« Er zog sich den Schleier vom Gesicht, klemmte ihn unters Kinn und setzte die Tasse an die Lippen. Mit der Wärme des Tranks spürte er die Lebenskraft in seinen Körper zurückkehren.
Sherkal befreite ebenfalls Mund und Nase, um seinen Kaffee zu genießen. Er hatte sich so gesetzt, dass ihre Beine sich berührten.
»Also ich für meinen Teil hätte Lust, mitzureiten«, erklärte er. Als das Objekt seines Interesses ihm nicht antwortete, weil es trank, ergänzte er: »Ich meine, ich bin doch jetzt wirklich alt genug, um die Krieger zu begleiten.«
»Alt genug, um als Schwertfutter für die Eisenmänner zu enden, ja«, erwiderte Khawa. »Ihr Kommandant ist gut. Zu gut für meinen Geschmack.«
»Ich kann auf mich aufpassen«, motzte das Bübchen beleidigt. »Ich halte mich hinten und bearbeite sie mit Pfeil und Bogen, während ihr euch um den Nahkampf kümmert. Arbeitsteilung!«
Khawa grunzte. »Rüstungsbrechende Bögen sind zu stark für dich. Du schießt dir beim Spannen bloß wieder in den Fuß.«
»Oh, Mann!«, jammerte Sherkal. »Wie lange soll ich denn noch warten! Du lässt mich seit drei Jahren zappeln und schindest es immer weiter raus!«
»Aus gutem Grund. Sei ehrlich zu dir: Miss dich in Übungskämpfen, höre dir selbst beim Reden zu, sieh dein Gesicht im Spiegel eines Sees an oder meinetwegen in dieser Kaffeetasse – du bist kein Krieger. Und aus dir kann man auch keinen machen. Dein Vertrauen in allen Ehren, aber auch ich kann aus dir nicht den Helden zaubern, dessen Namen du trägst.«
»Das war fies! Du hast schließlich auch irgendwann mal angefangen, jeder hat das. Niemand kommt als fertiger Krieger zur Welt. Nicht mal der Ur-Sherkal.«
»Ja, aber der hat sich nie in den Fuß geschossen.«
»Das war ein Versehen und außerdem ist das jetzt drei Jahre her. Drei Jahre! Gib mir doch wenigstens eine Chance. Lass es mich versuchen und wenn es schief geht, bin ich ganz ruhig und nerv dich nie wieder.«
»Deine Familie hat viele hervorragende Kämpfer hervorgebracht. Du gehörst nicht dazu und das ist in Ordnung, es kann nicht jeder ein Krieger sein. Unsere Truppe kümmert sich um die Versorgung des Hauptheeres und wir brauchen gute Leute, die uns den Rücken freihalten. Du kannst nicht kämpfen, aber du kannst dafür andere Dinge.«
»Und die wären?«, fragte Sherkal wenig überzeugt.
Khawa schwieg. Er hatte keine Ahnung und wollte nicht lügen. Eigentlich war Sherkal ein kompletter Taugenichts, der nicht mal zum Aufräumen gut war. Er gab sich zweifelsohne Mühe, war aber zu zerstreut, um irgendetwas vernünftig erledigen zu können, ohne dass jemand daneben stand und ihm Anweisungen gab. Ohne Leitung war er so hilflos wie ein kleiner Junge. Es war wenig verwunderlich, dass er sich ausgerechnet zum Anführer der Truppe hingezogen fühlte. Khawa versprach nicht nur Führung und Sicherheit, er war zudem ein umgänglicher Kerl, so lange nur der Kaffeepegel stimmte.
»Siehst du«, rief das Bürschlein triumphierend, als das Schweigen allzu lange währte. »Du weißt keine Antwort! Du bist mit deinen Argumenten am Ende, also musst du mich mitnehmen. Dir fällt kein einziger Grund ein, warum ich im Lager bleiben sollte, weil ich mies aufräume und die Zelte, die ich aufbaue, sind auch schief!«
Khawa stellte seine halbleere Kaffeetasse neben sich auf den Boden und drehte seinen Klappstuhl nun ganz in Sherkals Richtung.
»Hör zu, Kleiner«, sagte er freundlich. »Ich weiß, warum du mitkommen möchtest. Es ist kein Geheimnis, dass du mich magst und mich vermisst, wenn ich fort bin. Auch dass du manchmal ein kleiner Angeber bist, ist mir bekannt. Ich mag dich ebenfalls, und zwar genau so, wie du bist. Du musst dich nicht vor mir beweisen. Ich habe die Verantwortung für diese Truppe und somit auch für dich. Meine Entscheidung steht, du bleibst im Lager und machst dich hier so nützlich, wie du es vermagst. Akzeptiere das, hm?«
Er legte den Arm um Sherkal, um ihn zu trösten. Das Bürschlein schmiegte sich an seine Flanke und schmachtete sichtlich verliebt. Irgendwo war es ja schon putzig, wie er ihn anhimmelte. Sherkals Augen kniffen sich kurz zusammen, als hätte er Khawas Gedanken gelesen.
»Trink doch noch einen Schluck Kaffee«, forderte er spitz.
Khawa tat ihm den Gefallen und hob die Tasse an die Lippen. Er trank einen großen Schluck unter den wachsamen grünen Augen. Da erkannte er den Grund für die Aufforderung. Auf dem Grund der Tasse lag etwas. Etwas Weißes. Khawa ahnte Schlimmes.
»Los, trink schon aus.« Sherkal knuffte ihn.
Khawa fügte sich. Wenn er nicht gerade im Einsatz war, mochte er keinen Streit. Er sparte seine Energie und Durchsetzungskraft lieber für den Ernstfall und Sherkal nutzte diese Charakterschwäche schamlos aus. Der Pegel der Tasse sank. Zum Vorschein kam, wie erwartet, eine Knochenkette. Wenn Khawa sie jetzt in die Hand nahm, hatte er ein ernstes Problem. Einfach hinstellen konnte er die Tasse aber auch nicht, ohne dass er seinen kleinen Verehrer gewaltig vor den Kopf stieß. Hilflos starrte er auf das im Kaffee treibende Schmuckstück.
»Das hast du nicht erwartet«, posaunte Sherkal mächtig stolz.
Die herumlungernden Krieger kamen neugierig näher. Als sie die Kette in Khawas Tasse sahen, brachen sie in Gejohle aus.
»Hat er dich schön reingelegt«, meinte Skiran. »Du bist zu lieb, das habe ich dir schon immer gesagt. Du solltest den Jungen dafür übers Knie legen oder mich das erledigen lassen, wenn du es nicht übers Herz bringst.«
Sherkal rutschte unruhig auf dem Hintern hin und her, während die Krieger blödelten. »Und?« Sein Blick spiegelte äußerste Besorgnis wieder.
Khawa betrachtete sein viel zu junges Gesicht und dann den Inhalt der Tasse. Sie beide trennten zehn Jahre Altersunterschied, etliche Zeit an geistiger und körperlicher Reife. Hinzu kam der Unterschied im Rang. Wenn überhaupt, dann hätte Khawa es sein müssen, der dem Burschen eine Knochenkette anbot und nicht umgekehrt. Skiran hatte Recht. Was das Kerlchen hier verzapfte, war an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Sherkals Augen wurden immer größer und sein Mund ging immer weiter auf, je länger die Antwort auf sich warten ließ. Khawas Widerstand bröckelte. Er brachte es nicht über sich.
»Na schön«, brummte er resigniert. »Leg mir die Kette um.«
Sherkal strahlte über beide Ohren. Mit spitzen Fingern angelte er die nasse Kette heraus. Khawa nahm seinen Turban vom Kopf, so dass er sie ihm bequem umlegen konnte. Naturgemäß hatte sich in Sherkals Tasse ein Duplikat der Knochenkette verborgen. Der Bursche nahm ebenfalls seinen Turban ab und Khawa bekleidete ihn mit dem Gegenstück. Als es vollbracht war, küssten sie und waren verheiratet. So schnell konnte es gehen.
Sherkal zog Khawa an der Hand in dessen winziges Zelt, das eigentlich nur für eine Person reichte, zog die Stoffbahnen vor dem Eingang zu und fiel über Khawa her, der es mit einer Mischung aus Erregung und Amüsement hinnahm. Ihm wurde der Lendenschurz vom Leib gerissen, gierige schmale Hände erkundeten jeden Winkel seines Körpers, drückten seine Beine auseinander, wollten alles anfassen. Dann drehte Sherkal ihn auf alle viere und verschaffte seiner Erregung Zugang. Er bohrte und stocherte in ihm herum. Khawa musste sich Mühe geben, nicht das Gesicht zu verziehen. Das Kerlchen stellte sich an wie der erste Mensch, aber ging mit einem Selbstbewusstsein vor, als würde ihm die Welt zu Füßen liegen. Wahrscheinlich war es sein erstes Mal und er hatte er sich im Vorfeld von irgendwem beraten lassen, der ihm gesagt hatte, er dürfe nicht zu schüchtern vorgehen. Hemmungslos quiekte Sherkal seine Lust heraus, so dass das ganze Zeltlager Bescheid wusste.
Danach tauschten sie die Rollen. Nun war es an Khawa, seinem Mann zu zeigen, wie man es richtig machte. Er nahm sich Zeit, damit Sherkal lernte, wie schön es sein konnte, auch ohne dass man dem anderen etwas beweisen zu müssen. Khawa ging sanft, aber bestimmt vor. Unter seiner Führung verschmolzen ihre Körper endlich in Harmonie. Sherkal stöhnte, wand erregt sein Hinterteil und kam noch ein zweites Mal, ehe auch Khawa den Höhepunkt erreichte.
Nachdem ihre Ehe nun auch körperlich besiegelt war, kuschelten sie nebeneinandergequetscht, wobei Khawa zur Hälfte auf der Rückwand liegen musste. Das Zelt war während des Aktes halb in sich zusammengestürzt, was Sherkal in seinem Treiben nicht hatte aufhalten können. Die obere Lederplane hing durch, irgendeine Stange musste gebrochen sein. Das Bürschlein hatte wahrlich ganze Arbeit geleistet. Das Zelt war kaputt und Khawa konnte sich nicht mehr ohne Schmerzen bewegen. Jetzt lag Sherkal friedlich da, sah dabei noch jünger aus, als er ohnehin schon war und schnarchte leise mit offenem Mund.
Was für ein Morgen. Da trank man ein Mal den falschen Kaffee und schon war man verheiratet. Die Vorhänge des Eingangs standen nun ein Stück offen und ein Strahl aus Licht fiel in das kleine, völlig durcheinandergebrachte Zelt. Draußen taten die Krieger, als hätten sie nichts gehört, indem sie lautstark ein Reiterlied sangen, das noch immer nicht zu Ende war. Irgendwer hatte hier einen schrägen Humor.
Khawa zog die Vorhänge zu und streichelte seinen Mann. Noch weniger als zuvor war er bereit, Sherkal heute Nacht mitzunehmen, wenn der Kampf ihn rief. Bei jedem Einsatz hatte er größere Sorgen, sie waren einige Male in schwere Bedrängnis geraten. Die Sonne schien durch die Vorhänge, erbeutete Stoffe aus Almanien, doch das war lange her. Momentan war Nahrung das Ziel. Das Licht ließ den Stoff leuchten, die einzige Lichtquelle im sonst dunklen Lederzelt. Khawa betrachtete schläfrig das Licht. Er und Sherkal verbrachten den gesamten Tag miteinander im Bett. Als die Vorhänge sich rot färbten, zusammen mit dem Himmel, wurde es Zeit. Die Hyänen riefen und verlangten nach Feindesblut. Khawa spürte den Sturm in sich heraufziehen. Ihn hielt nichts länger im Bett.

Steppensturm
Grenzregion zwischen almanischem Hoheitsgebiet und Wildnis.

Die Rakshaner nutzten die Gunst eines Wolkenbruchs für ihren Raubzug. Es war stockfinster. Der Regen perlte in Bächen von ihrer Überkleidung aus gefettetem Leder, die schwarzen Turbane wogen schwer vom Wasser. Dass Fell der ponygroßen Riesenhyänen war bis auf die Haut durchnässt und stand struppig ab. Bei solch einem Wetter würde man die nahenden Plünderer weder sehen, noch würden die Wachhunde sie riechen. Khawa hatte bei der Planung der Taktik alle Register gezogen: Die Truppenzusammensetzung, die Topografie, die Tageszeit und sogar das Wetter wurden zu seinen Werkzeugen.
»Herhören«, befahl er. Der klatschende Regen sorgte dafür, dass er in normaler Lautstärke zu seinen Kriegern sprechen konnte, während sie sich um ihn drängten. »Vor uns im Tal liegt das Gehöft, das ich uns ausgesucht habe. Das Gebäude braucht uns nicht zu interessieren, wir konzentrieren uns auf die Tiere. Wir setzen auf Geschwindigkeit und vermeiden Konfrontation. Wir kommen, wir rauben, wir verschwinden.«
Er blickte in die Runde. Die Männer folgten seiner Erklärung aufmerksam aus dunklen Augen, das Einzige, was von ihren verschleierten Gesichtern zu erkennen war. Er sah keine Angst. Es war nicht die Frage, ob sie Erfolg haben würden, keiner zweifelte daran. Es ging nur um das Wie.
»Skiran hält in Rufweite Wache, auch wenn kaum Störungen zu erwarten sind. Eskir führt Trupp eins. Er wird das Gatter öffnen, sobald alle in Position sind. Trupp eins jagt von hinten die Herde heraus, Trupp zwei unter meinem Kommando empfängt die Rinder mit einem Korridor. Sobald sie hier ankommen, flankieren wir sie und treiben sie im Galopp nach Norden, während Eskirs Männer von hinten aufschließen. Am Azursee machen wir Halt, lassen Mensch und Tier verschnaufen, dann geht es heim nach Rakshanistan mit einem Festessen, das für mehrere Monate reicht! Noch Fragen? Nein? Dann auf eure Positionen!«
Die Truppe kam in Bewegung. Unter den Pfoten der Hyänen schmatzte die schlammige Wiese des Weidelands. Auf das Tragen von Rüstungen hatten die Rakshaner verzichtet, weil sie nicht die Absicht hatten zu kämpfen und Gewicht sparen wollten, doch trug jeder von ihnen standardmäßig einen leichten Knochensäbel und einen Reiterbogen aus Horn bei sich, ebenso einen Köcher mit Pfeilen. Die Männer klopften sich gegenseitig aufmunternd auf die Schultern und ritten in die angewiesene Richtung.
Aufmerksam behielt Khawa seine Krieger im Auge. Es war keine aufwändige Abschiedszeremonie erfolgt, da niemand mit Verletzen oder gar mit Verlusten rechnete. Die Moral war trotz des miesen Wetters hervorragend, die Männer hochmotiviert nach ihrer Serie von Erfolgen. Die Taktik ihres Anführers, wegen der man ihn Steppensturm nannte, ging auf. Die Plünderer bleiben nie länger als ein paar Stunden am selben Ort und nie kehrten sie in das selbe Gebiet zurück. Die deutlich besser ausgerüsteten almanischen Ritter, die man in diesem Landstrich Chevaliers nannte, bekamen sie seit Monaten nicht zu fassen und die gesamte nordwestliche Grenzregion Almaniens war inzwischen verarmt, während man Khawa in Rakshanistan als Helden feierte.
Mit einem Fersenklopfen trieb er seine Hyäne an und postierte sich an der Flanke des lebenden Korridors. Sein Tier war unruhig und keckerte, weil es sich auf die Hatz freute. Die Hyäne trug, wie es bei Rakshanern üblich war, kein Zaumzeug, sondern wurde nur dich die Beine und die Stimme ihres Reiters gelenkt. So blieb der massige Kopf frei und sie konnte in alle Richtungen beißen, wenn es erforderlich war. Die Krieger hatten sich in Position gebracht, der Korridor stand bereit. Trupp eins war wegen des Starkregens schon nicht mehr zu sehen, obwohl sie nicht weit entfernt waren. Jeden Moment würde Eskir das Gatter öffnen und die Hatz konnte beginnen.
Ein Schrei gellte und endete abrupt. Alle Köpfe fuhren herum. Hinter den Hügeln, die das Tal von allen Seiten einschlossen, war etwas geschehen. Khawa brauchte nicht zu sehen, was passiert war, um zu wissen, dass Skiran nicht mehr war. Mit seinem Schrei hatte der Kundschafter das Letzte getan, was ihm möglich gewesen war, um seinen Kameraden zu helfen.
»Abbruch!«, brüllte Khawa. »Flucht nach Süden!« Es war die entgegengesetzte Richtung, von der aus der Schrei ertönt war. Khawa trieb seine Hyäne an, galoppierte einige Schritte und glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Er riss das Tier im vollen Lauf herum, mit ihm schwenkte seine Truppe zur Seite. Hinter dem Hügelkamm waren Lanzenspitzen aufgetaucht, denen nun eiserne Helme folgten. An den Schäften hingen, schlaff vom Regen, die Banner der almanischen Adelshäuser.
Die Hyänen jaulten, ein Konzert von Jagdlust und Nervosität. Khawa blickte sich in alle Richtungen um, während er ritt, doch es gab keinen Fluchtweg und er hörte damit auf, sein Tier in immer neue Richtungen zu treiben. Die Hyäne tänzelte auf der Stelle, nur mit Mühe hielt er sie unter Kontrolle. Die Rakshaner drängten sich zu einem Kreis zusammen. Auf allen Hügelkämmen waren Eisenhelme aufgetaucht. Innerhalb weniger Augenblicke war Khawas gesamte Einheit von Chevaliers und lanzentragenden Fußsoldaten eingekesselt worden. Wie hatte das geschehen können? Woher hatten die Almanen gewusst, wo sie sich befanden?
Khawa kam nicht mehr dazu, sich weitere Gedanken zu machen. Er musste eine Entscheidung treffen, und zwar sofort. Er zog in einer fließenden Bewegung einen Pfeil aus dem Köcher, riss seinen Bogen in Schulterhöhe und spannte. »Angriff! Gebt alles!« Zeitgleich ließ er die Sehne los.
Es knallte, als der Pfeil in einen gerüsteten Körper einschlug. Ein Fußsoldat ging zu Boden. Sofort eröffneten die Almanen das Gegenfeuer. Als der erste Eisenmann fiel, stürzten fast gleichzeitig mehrere Hyänenreiter von ihren Tieren. Eine Reihe von Bogenschützen musste sich hinter den Chevaliers und den Lanzenträgern verbergen.
Khawa legte den nächsten Pfeil ein und schoss. Die Hyäne des Reiters neben ihm kreischte. Sie war von Pfeilen gespickt und ging durch. Ihr Reiter rutschte bereits leblos von ihrem Rücken. Das große Raubtier stürmte auf die Reihe der Almanen zu und biss um sich. Ein Fußsoldat hing quer in ihrem Maul und sie schüttelte ihn durch, doch gegen eine geschlossene Linie gerüsteter Soldaten kam auch ein ganzes Rudel von Hyänen nicht an. Mehreren Lanzen spießten sie auf, ehe sie ein zweites Mal mit ihrem todbringenden Gebiss zupacken konnte.
Khawa wurde schlagartig die völlige Aussichtslosigkeit der Lage bewusst. Mochte er ein noch so guter Anführer sein, auch er war nicht allmächtig. Dieser Feind war nicht nur bestens auf seine Truppe vorbereitet und die Bewaffnung passend eingestellt, sondern die Almanen waren auch in der Überzahl. Im Gleichschritt marschierten sie näher, Rüstung an Rüstung. Der Ring der Gegner hatte keine Lücken. Mehr als einen heldenhaften letzten Kampf würden die Hyänenreiter ihnen nicht entgegensetzen können. Dies war ihr Ende.
»Blut!«, brüllte Khawa und riss seinen Hornbogen in die Luft. Mit diesem Ruf löste er seinen Kommandoanspruch auf und gab das Signal zum letzten Gefecht. Es war der letzte Befehl des Anführers einer todgeweihten Gruppe, der letzte Befehl des Steppensturms. Sie würden bis auf den letzten Mann sterben, aber das war es wert. Zum Leben eines Plünderers gehörte auch ein früher Tod. Khawa hatte sich freiwillig für dieses Leben entschieden und somit auch für ein zeitiges Sterben. Er hätte auch hinter der Front bleiben und als einfacher Nomade sein Leben führen können. Doch das war nicht, wofür Khawa fo-Azenkwed geboren war!
Er ließ den Bogen zu Boden fallen und riss seinen Knochensäbel aus der Scheide. Er versuchte, zu erkennen, wo der Befehlshaber der Almanen sich befand. Den Kerl würde er auf die andere Seite mitnehmen. So wie Skiran mit seinem letzten Atemzug für seine Kameraden gekämpft hatte, würde auch Khawa es tun und jeder einzelne, der unter seinem Kommando gestanden hatte.
Es zischte erneut, neben Khawa brach eine Hyäne zusammen und begrub ihren Reiter unter sich. Ein weiterer Pfeil flog knapp an Khawas Turban vorbei und bohrte sich in die Stirn des Rakshaners hinter ihm. Viele waren nicht mehr geblieben. Die Almanen zogen ihren Kreis enger und stellten das Schießen nun ein, um nicht ihre eigenen Kameraden auf der gegenüberliegenden Seite zu gefährden. Der Regen, der die Rakshaner zuvor geschützt hatte, würde ihr Leichentuch werden.
Khawa ritt in einem letzten Akt des Aufbegehrens gegen das Unvermeidliche auf die Linie der gepanzerten Soldaten zu. Er hatte wegen der Dunkelheit den Anführer nicht ausmachen können und würde ein willkürliches Opfer wählen. Die letzten Überlebenden seiner Truppe folgten seinem Beispiel und gemeinsam stürmten sie im Pulk auf die Almanen zu. Er trieb sein Tier zum schnellstmöglichen Galopp an, in der Absicht, es kurz vor den Lanzen abspringen und mitten in der Reihe der Soldaten landen zu lassen. Er kam bis kurz vor die Sprungweite, dann brach seine Hyäne unter ihm zusammen. Khawa machte einen Überschlag und rollte durch den Schlamm. Die Pfoten der anderen Tiere trampelten über ihn hinweg, er wälzte sich hin und her, um nicht zertreten zu werden. Der Schlag einer Pfote traf ihn, stark wie der Tritt eines Pferdehufes, und schleuderte ihn ein Stück durch die Luft. Erneut stürzte er auf den nassen Erdboden. Um Luft ringend blieb Khawa liegen, das vermummte Gesicht im Dreck. Seinen Säbel hatte er verloren, ebenso wie seinen Bogen.
Verebbende Schlachtrufe, letztes Geschrei purer Todesverachtung, dann wurde es still. Kein Keckern, kein Jaulen mehr und kein rakshanisches Wort. Nur das schwere Klirren almanischer Rüstungen und Stimmen, die in der fremden Sprache redeten. Der Regen prasselte auf den besiegten Anführer des Plündertrupps nieder.
Und noch immer war er am Leben. Es entsprach nicht dem Wesen eines Rakshaners, eine so vernichtende Niederlage zu überleben und eine Gefangennahme zu riskieren. Etwas Schlimmeres, als den Verlust der Freiheit, gab es nicht. Khawa musste den Almanen zeigen, dass er noch lebte, damit sie ihn ins Chaos schicken konnten, in dem alles seinen Anfang genommen hatte und in dem alles enden würde. Sich selbst zu richten wäre der Akt eines Feiglings. Eine jede noch so verbitterte Feindschaft nahm nach rakshanischer Vorstellung mit dem Töten des Gegners ein Ende. Almanen und Rakshaner verbrachte ihr gesamtes Leben als Feinde, doch sie starben als enge Vertraute, denn etwas Intimeres als den Tod konnte man nicht mit jemandem teilen.
Mühsam stützte Khawa sich auf die Unterarme und rappelte er sich auf alle viere. Schmerzen im Bauch quälten ihn. Sein Herz schlug heftig und seine Lungen pumpten die kalte, regenschwere Luft. Sein Körper tat alles, um ihn am Leben zu erhalten, er war nicht mit dem einverstanden, was nun geschehen sollte. Khawa hob den Kopf mit dem nassen Turban, um zu schauen, wer es sein würde, der ihm den Tod eines Kriegers gewähren würde. Unerwartet dicht vor ihm stand ein Paar schlammverschmierter eiserner Panzerstiefel. Khawa sah die Beine entlang nach oben und erblickte einen Chevalier in Kettenrüstung und einem Wappenrock darüber. Das musste der Anführer dieser Streitmacht sein. Ein würdiger Todbringer für den Steppensturm. In seiner Hand hielt der Almane das gezogene Schwert. Doch er wartete noch. Offenbar war er doch nicht derjenige, der hier das letzte Wort innehatte.
Neben ihn trat ein junger Mann in einer äußerst aufwändigen Rüstung. Das Visier seines Helmes hatte er nach oben geklappt, um besser sehen zu können, so dass auch Khawa sein blasses Gesicht erkennen konnte. Während der erwachsene Ritter sicher zu sein schien, was nun zu tun sei, war dem jungen Mann Nachdenklichkeit ins Gesicht geschrieben. Er war noch zu jung für das Führen einer Streitmacht. Wahrscheinlich war der andere in Wahrheit der Kopf hinter dem Ganzen gewesen.
Das vermummte Gesicht Khawas war verzerrt vor Angst. Trotz aller Mühe, sich zu beherrschen, hatte er im Angesicht seiner Hinrichtung am ganzen Leib zu zittern begonnen. Er war nie ein Feigling gewesen, doch nun überkam ihn Panik. Er war nicht bereit für den Tod, er wollte nicht sterben! Es gab nur wenige Worte auf Almanisch, die er kannte. Dazu gehörten jene, die er nun sprach.
»Bitte! Mein Leben!«
Khawa hätte jeden ausgelacht, der ihm erzählte, vor einem Feind um Gnade gewinselt zu haben, und nun tat er es selbst. Er bettelte in einer fremden Sprache, im Dreck eines fremden Landes auf Knien um sein Leben.
Ob es dem jungen Alter des einen Mannes und seiner noch mangelnden Abgestumpftheit zu verdanken war oder ob das Flehen des Todgeweihten tatsächlich sein Herz berührte – Khawas Bitte um Gnade wurde stattgegeben. Er durfte sich erheben.
Man trieb ihn zu Fuß zwischen den schweren Schlachtrössern vor sich her. Sherkal würde ihn nicht wiedersehen. Seine Kameraden daheim würden vergebens auf die Heimkehr von Khawa und seiner Truppe warten. Ein letzter Blick auf seine gefallenen Kameraden war ihm nicht vergönnt.
Khawa verlor an diesem Morgen seine Krieger, seinen Rang, seine Familie, seine Freiheit und die wilde Steppenheimat, in der er gelebt hatte. Was blieb, war ein Sklave in einer fremden Welt, in der man Behausungen aus Stein baute und sich mit hohen Mauern umgab. Ein Land, in dem ein Mensch das Eigentum eines anderen sein konnte und in dem man die Gesetze von einem Papier ablas anstatt aus dem Flug der Sandwehen und dem Knochenfraß der Geier. Almanien empfing den Fremdling mit steinernem Stolz und eiserner Distanziertheit. Es starrte aus den Schießscharten der Burgen auf ihn herab, aus den wachsamen Augen der Gargoyles auf den Zinnen und aus den schwarzen Augenöffnungen der Ritterhelme. Nach langem Marsch erreichten sie Beaufort, den Sitz des Ducs von Großherzogtum Souvagne. Das Tor der Burg öffnete sich, ließ die Delegation eintreten. Hinter Khawa schloss sie sich mit einem endgültigen Geräusch.
Der Steppensturm war Geschichte. Wer verblieben war, wusste Khawa nicht.