Terra Anura

 

Genre: Science Fiction, Homoerotik
Status: 100 % des Erstentwurfes, letzte Korrektur, wartet auf Veröffentlichung
Geplante Veröffentlichung: 2017

Eine düstere, nachdenkliche Geschichte. Was darf Forschung – und was darf sie nicht? Wo beginnt der Mensch – und wo hört er auf?

Inhalt:

In nicht allzu ferner Zukunft ist es möglich, Hybriden aus Menschen und Fröschen zu erschaffen. Sie dienen der sexuellen Belustigung reicher Menschen in einem berüchtigten Varietè namens Terra Anura. Jeder einzelne von ihnen geht mit diesem Schicksal anders um. Auf dem Pfad zwischen Mensch und Tier, zwischen Opfer und Täter sind sie auf der Suche nach der eigenen Identität, nach einem Leben und einer Liebe, die nur ihnen gehört. Drei gänzlich unterschiedliche Hybriden beschließen, dem Schicksal die Stirn zu bieten und nicht länger nur Objekte der Forschung und der Lust zu sein: der intelligente, geistig unterforderte Yabo, der sich selbst vollkommen verloren hat, der stark übergewichtige Ringo, der vom sanften Gemüt zum Egozentriker geworden ist und der Neuling Azul, der ein dunkles Geheimnis zu verbergen scheint. Aber werden sie die Terra Anura wirklich hinter sich lassen können – und wenn ja, um welchen Preis?

Leseprobe:

Licht

Als ich die Augen in der Transportbox aufschlug, fühlte es sich an, als würde ich aus einem tiefen Schlaf erwachen. Jedoch konnte ich mich nicht daran erinnern, jemals eingeschlafen zu sein. Meine Finger mit den weichen, verdickten Kuppen tasteten forschend über den glatten Kunststoff, ehe ich mich aufrappelte und zu dem Viereck aus Licht kroch, als das der Ausgang erstrahlte. Die Gittertür stand offen, alles lud mich ein, hinauszutreten in die Welt. Von Anfang an vermochte ich die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Ich wusste, dass ich das Sprechen ebenso beherrschte wie meinen Körper. Aber ich erinnerte mich an kein Davor, währenddessen ich all das gelernt haben könnte. Hatte ich tatsächlich nur geschlafen? Es schien vielmehr, als wäre ich plötzlich da gewesen und mein Leben hätte in diesem Moment, in dieser Kiste aus Plastik, seinen Anfang genommen. Und so betrachtete ich jenen Augenblick als den Moment meiner Geburt.
Außerhalb der Transportbox herrschte Stille. Es duftete nach bemoostem Holz und nasser Erde, die Temperatur war angenehm warm. Auf allen vieren bewegte ich mich vorwärts, bis meine Hände und die großen Froschfüße den Rindenmulch betraten. Staunend blickte ich mich um. Von hier aus konnte ich die gesamte Welt sehen: einen gepflegten Park mit kegelförmigen Bäumen und darüber einen strahlend blauen Himmel. Eine sommerliche Kulisse hinter glänzenden Scheiben, die sich zu allen vier Seiten von mir erhoben und den gläsernen Raum auch überdachten. Das Ganze wurde getragen von einem filigranen Stahlgerüst, in den Ecken kroch eine grüne Algenschicht hinauf.
Ich spiegelte mich darin, ein hockender junger Mann, vollständig haarlos und mit sehr großen Froschfüßen. Hübsch sah ich aus, mit meiner weißen Bauchseite und dem apfelgrünen Rücken. Ein schwarzer Streifen trennte die beiden Farben an den Flanken voneinander, ein Streifen, der unten im Steiß mündete und oben auf den Augenlidern, so dass das Braun meiner Iriden zwischen den schwarzen Lidern hervorleuchtete. Ich freute mich darüber, wie bunt ich war und was für lange Zehen ich hatte, die auf halber Länge durch Schwimmhäute miteinander verbunden waren.
Ich spannte die Beine an, machte einen großen Sprung und landete wieder in der Hocke. Das machte Spaß! Ich hüpfte noch einmal. Sonnenstrahlen fielen auf die prächtige Silberweide, die mein Reich dominierte. Ihre Äste ragten bis hinauf zur gläsernen Decke und berührten alle vier Seitenwände. Auch in den Glasräumen rechts und links von meinem wuchs jeweils ein großer Baum. Offenbar war das Gebäude ringförmig angelegt. Die Sicht ins Innere wurde von einer silbrigen Jalousie verdeckt. In im Schatten der Weide wuchsen Büsche, Farne und Moos, ein angenehmer Kontrast zur sterilen Ordnung des Parks, der die Anlage umgab und der Kälte des Stahlgerüsts. Ein kleiner Teich zwischen den dicken Wurzeln glitzerte einladend, gerade groß genug, als das ich mich hätte hineinlegen können.
Mir fiel auf, dass der Raum zur linken Seite eine Art Korridor bildete, der mich an eine Hochsicherheitsschleuse erinnerte, obwohl mein Gedächtnis kein konkretes Bild zu diesem Wort heraufzubeschwören vermochte. Sie führte vom Park ins Innere des Ringes, in den ich wegen des Sichtschutzes nicht blicken konnte. Dort begann eine Welt, für die ich nicht bestimmt war, andernfalls hätte es einen Weg gegeben, die zweite, kleiner Schleuse zu öffnen, die als Tür zu meinem Glasgefängnis fungierte. Sie funktionierte über einen Laserscanner, der weder meine Fingerabdrücke, noch meinen Retinacode akzeptierte, wie ich bald feststellen musste. Auch diese Funktionsweisen waren mir bekannt. Ich musste gesegnet sein, mit solch einem Wissen geboren worden zu sein! Das Leben meinte es offenbar sehr gut mit mir.
Außerhalb der Scheibe begann jemand zu sprechen. Suchend blickte ich mich um. Ich konnte die Richtung der Stimme nicht gleich orten, denn niemand war zu sehen und es dauerte einen Moment, ehe ich das Mysterium gelüftet hatte, das eigentlich ganz banal war. Die Stimme gehörte zu einem Mann, der durch die gespreizten Lamellen der Jalousie lugte und der offenbar nicht alleine dort stand. Von ihm war nichts weiter zu erkennen außer der Knick in den Aluminiumstreifen und zwei Finger. Seine Augen lagen im Schatten. Er hatte mich offensichtlich die ganze Zeit dabei beobachtet, wie ich über den Rindenmulch gesprungen war, meinen Körper ausprobiert und die Umgebung erkundet hatte.
„Der sieht athletisch aus“, sagte er nun zu seinem unsichtbaren Begleiter. „Normalerweise bräuchte ein Laubfroschhybrid ein größeres Habitat, damit er in Form bleibt. Erinnern Sie mich daran, wenn wir die Details des Anbaus besprechen.“
Später erfuhr ich, dass diese Stimme dem Boss gehört hatte, doch damals war sie für mich weniger interessant gewesen als die fingergroßen Schwärmer, die von meinem Gehüpfe aufgeschreckt herumflatterten und meinen Appetit weckten.
Der nächste nachhaltige Eindruck vom Beginn meines Daseins war Ringo. Ich hatte gerade den ersten Schwärmer mit der Zunge gefangen und presste mit meinen zahnlosen Kiefern den Saft heraus, als der Krötenmann seinen massigen braunen Leib aus einem Erdloch zwängte, mit schmutzigen Hängebrüsten und einem aufgedunsenen Bauch, der nach jedem Sprung zwischen seinen angewinkelten Beinen wackelte. Er hatte hübsche Schwimmhäute zwischen den verlängerten Zehen, gegen die meine eigenen nur ein lächerlicher Saum waren. Ich betrachtete ihn, während ich kaute und er blickte schweigend aus gelben Augen zurück. Er sah mir ähnlich und doch auch nicht. Unsere Gesichter und ein Großteil der sonstigen Anatomie waren menschlich, so viel dämmerte mir aus meinem mysteriösen Wissensfundus, doch unsere haarlose Haut und die Füße waren die von Froschlurchen. Ringo war größer und massiger als ich, seine Haut viel dunkler und weniger glatt. Er gefiel mir, auch ihn hatte die Natur gesegnet, er sah genau so aus, wie man als Erdkrötenmann aussehen sollte. Aber keiner von uns wusste, was er mit dem anderen anfangen sollte. Und so drehte er sich wieder um und hoppelte zurück in das Loch, aus dem er gekrochen war.
Vor der Scheibe schlossen sich die Lamellen.
Einige Tage später war mir eingefallen, wie ich zu Ringo Kontakt aufnehmen konnte. Es hing mit dem verzehrenden Verlangen zusammen, Körperkontakt herzustellen, ein Empfinden, das mit einer unangenehm intensiven Erektion einherging, mit der ich damals nicht umzugehen wusste. Als Ringo gerade im Habitat herum hoppelte, um Schwärmer zu jagen, fasste ich mir ein Herz und sprach ihn das erste Mal an. Meine Worte klangen völlig anders als die des Mannes vor der Scheibe. Aufgrund der fehlenden Zähne lispelte ich, so wie alle Anurahybriden, aber ich gab mein Bestes, um die menschliche Aussprache zu imitieren. Ringo reagierte schüchtern, aber nicht abweisend. Er verriet mir, was mich da plagte. Und obwohl ich bereits so vieles wusste, die Namen all der Dinge und sogar meinen eigenen – Yabo – das Eine kannte ich noch nicht.
Was nun folgte, war ein vorsichtiges Nähertasten, das mir im Nachhinein peinlich ist. Ich wusste damals wirklich gar nichts über dieses Thema und stellte mich entsetzlich ungeschickt an. Aber es gefiel mir. Ich schmolz unter seinen Berührungen dahin. Ringo hatte schmale Augen mit nach unten gezogenen inneren Augenwinkeln, was man von jemandem mit Erdkrötenblut vielleicht nicht unbedingt erwarten würde, und ein Lächeln, dass durch seine feisten Wangen sehr sympathisch wirkte – wenn er denn mal lächelte. Er tat es selten, später noch weniger als damals. Ich mochte seine angenehme Art und seinen fleischigen Körper und erkundete ihn mir den Augen, den Händen, der Nase und der Zunge. Obwohl wir uns damals so tollpatschig anstellten, hatten wir viel Spaß miteinander. Ich war bald genauso schlammverschmiert wie er und von meinen natürlichen leuchtenden Farben war nicht mehr viel zu sehen, als wir uns übereinander auf dem Boden wälzten und uns am Körper des anderen rieben. Rasch fand ich heraus, dass diese Reibung sich äußerst gut anfühlte und man sie bis zur höchsten Ekstase steigern konnte. Und das taten wir, bis wir von tiefster Zufriedenheit erfüllt nebeneinander niedersanken. Die Sonnenstrahlen fielen wie goldene Vorhänge in unser Habitat und aufgescheuchte Schwärmer surrten herum. Draußen zwitscherten die Vögel. Eine angenehme Müdigkeit erfüllte mich. Ringo massierte mir, nachdem wir ausgiebig gekuschelt hatten, die Füße und küsste meine dreckigen langen Zehen. Ich betrachtete ihn mit halb geschlossenen Augen, während seine Lippen mich liebkosten, und lächelte selig. Die Welt hätte an diesem Tage untergehen können und ich hätte noch immer gelächelt.
Am darauffolgenden Abend zog unser Pfleger das erste Mal die Jalousie hoch, so dass wir das Varieté sahen und das Varieté uns. Er schaltete die Zeitschaltuhr am Futterautomaten ab und stellte auf manuellen Betrieb um. Fortan war es mit unserer Ruhe vorbei. Wir mussten für jede einzelne Mahlzeit arbeiten. Die Menschen aktivierten den Futterautomaten nur, wenn ihnen gefiel, was sie sahen, egal, ob wir gerade Lust hatten oder nicht, ob wir uns krank fühlten, gestritten hatten, erschöpft waren oder einfach ein schlechter Tag für uns war. Das anfangs so unschuldige Liebesspiel verfiel zu berechnendem Kalkül, noch bevor es richtig begonnen hatte. Damals war es für mich in Ordnung, weil ich glaubte, mein Leben müsse so sein. Ich hatte alles, was ich brauchte, einen Baum, einen Teich, etwas zu Essen und ich hatte Ringo. Es bedurfte wenig, damit ich zufrieden war. Das Wichtigste war da. Und alles andere war eben, wie es war.
Meine Unzufriedenheit begann erst mit der Ankunft von Azul, einige Jahre später.
Das Habitat, welches er zukünftig bewohnen sollte, grenzte an unseres. Bisher war es unbewohnt. Darin gediehen tropische Pflanzen, damit die neue Errungenschaft dereinst in eine vollständig eingerichtete Umgebung ziehen konnte, eine hübsche Kulisse für die Blicke der Gäste. Ich glaube, Ringo hatte damals schon geahnt, dass wir nicht ewig zu zweit bleiben würden und das mit dem Neuling auch Ärger nahte, denn von Anfang an verabscheute er das Nachbarhabitat.
„Es geht etwas Böses davon aus“, war seine Begründung. „Es fühlt sich an, als ob Gift durch das Lüftungsgitter zu uns herüber sickert.“ Ringo hatte seine Erdhöhle so angelegt, dass er von dort aus nicht dahin blicken konnte und vermied es, der Scheibe zu nahe zu kommen. Ich vermochte keinerlei Böses an dem tropischen Habitat zu entdecken, in welchem fast das gesamte Jahr über irgendetwas blühte.
Die Terra Anura war noch immer nicht erweitert worden. Dafür hatte sich die Zahl der Bewohner inzwischen verzehnfacht und jene der Gäste verhundertfacht. Fast jedes der Habitate war mittlerweile bewohnt. Ich glaubte fest daran, dass der Boss sparte, um uns einen großen, noch nie da gewesenen Lebensraum zu gönnen, wenigstens uns beiden, Ringo und mir, jenen Anurahybriden, mit denen alles begonnen hatte. Uns, denen er seinen Wohlstand verdankte. Vielleicht in die Höhe, damit die Silberweide, auf der ich gern kletterte, noch gewaltiger werden konnte, oder in die Länge in Richtung Park, um einen zweiten Baum zu pflanzen. Ich träumte von einem riesigen Teich, in dem ich tauchen konnte. Besonders lebendig waren diese Träume, wenn sich des Abends vor der Scheibe lachende Menschengesichter abzeichneten und ihre Hände dumpf gegen das Glas schlugen. Dann waren die Traumgärten meiner Fantasie so real wie sonst nie und fast schien es, als würden sie schon in wenigen Tagen Wirklichkeit werden, während ich Ringos Keuchen in meinem Nacken spüre und sein herabhängender Bauch die feuchte Erde auf mir verrieb.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit seither vergangen ist. Zeit, in der ich durch meine künstliche Welt hüpfte, nach Futterinsekten jagte oder in Hockstellung an der Scheibe klebte und die Menschen sich an meinen Genitalien erfreuen ließ. Ich hätte die Jahre zählen können, da ich durch die Außenscheibe das herbstliche Sterben der Natur und ihr Erwachen im Frühling beobachten konnte, auch wenn bei uns dank der Quecksilberdampflampen und der Beheizung ewiger Sommer herrschte, aber ich wüsste nicht, wozu ich das hätte tun sollen. Jahre spielten keine Rolle. Das Entscheidende waren die Abende, wenn wir die Gelegenheit bekamen, uns Nahrung zu erarbeiten.
Dieser Umstand änderte sich erst, als Azul in unser Leben trat. Azul, der mich aus meiner Gleichgültigkeit riss und unsere Routine zerschlug. Azul, der Giftige.

 

[…]